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Sexarbeit im Landesmuseum: Zürich macht ein Tabu zur Schweizer Geschichte

Sexarbeit im Landesmuseum: Zürich macht ein Tabu zur Schweizer Geschichte

Von Bitch.ch Redaktion • 26. Juli 2026 • 0 Kommentare

Es ist eine kleine Sensation der Schweizer Museumslandschaft: Seit dem 3. Juli 2026 widmet das Landesmuseum Zürich der Sexarbeit in der Schweiz eine eigene Ausstellung. Die Videoinstallation «Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit» lässt elf Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen, die offen über ihren Alltag im Erotikgewerbe sprechen – über Wege in die Branche, über Selbstbestimmung und Berufsstolz, aber auch über Stigma, Gewalt und Diskriminierung. Dass ausgerechnet das nationale Geschichtsmuseum direkt beim Zürcher Hauptbahnhof diesem Thema eine Bühne gibt, zeigt: Sexarbeit ist längst Teil der Schweizer Realität und Gegenwartsgeschichte. Wir haben die wichtigsten Fakten zur Ausstellung zusammengetragen und ordnen ein, was die neue Sichtbarkeit für die Branche, für Sexarbeitende und für ihre Kundschaft bedeutet.

Was zeigt die Ausstellung «Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit»?

Das Herzstück der Ausstellung ist eine grossformatige, immersive Videoinstallation. Elf Menschen, die in der Schweiz in der Sexarbeit tätig sind oder waren, erzählen in Interviews von ihren persönlichen Erfahrungen. Besucherinnen und Besucher hören die Stimmen über Kopfhörer – ein bewusst intimes Format, das Nähe schafft, ohne die Porträtierten blosszustellen. Die Erzählungen machen deutlich, wie unterschiedlich die Wege in die Sexarbeit sind: Manche berichten von finanziellen Engpässen, Migration oder familiären Verpflichtungen, andere schätzen die Flexibilität und die Möglichkeit, selbstbestimmt zu arbeiten.

Ergänzt wird die Installation durch eine interaktive Medienstation, die historische Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Debatten rund um die Sexarbeit aufarbeitet. Wer mehr wissen will, kann am Welcome Desk gedruckte Interviewtexte beziehen. Die Ausstellung verzichtet bewusst auf klassische Museumsobjekte – im Zentrum stehen Stimmen, Erinnerungen und gelebte Realitäten.

Wer steht hinter der Videoinstallation?

Bemerkenswert ist nicht nur das Thema, sondern auch die Entstehung: Die Ausstellung wurde in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit dem Sexworkers Collective entwickelt, einem nationalen Kollektiv von Sexarbeitenden. Das Kollektiv hat die Interviews geführt, als wissenschaftlicher Beirat mitgewirkt und die Konzeption mitgeprägt. Kuratiert wurde das Projekt von Marina Amstad unter der Gesamtleitung von Museumsdirektorin Denise Tonella. Es gilt hier der Grundsatz, den Fachstellen seit Jahren fordern: nicht über Sexarbeitende sprechen, sondern mit ihnen.

Die Ausstellung ist Teil der Reihe «Erfahrungen Schweiz», die jedes Jahr ein prägendes Thema der jüngeren Schweizer Geschichte über Zeitzeugenberichte erschliesst – Geschichten, die in keinem Archiv zu finden sind. Dass die Reihe 2026 der Sexarbeit gewidmet ist, dürfte kein Zufall sein: Kaum ein Thema bündelt so viele gesellschaftliche Spannungsfelder, von Macht, Sexualität und Geschlecht über Migration und Rassismus bis zu Armut und sozialer Ungleichheit.

Warum ist Sexarbeit in der Schweiz legal – und trotzdem umstritten?

Sexarbeit ist in der Schweiz seit 1942 legal. Sie gilt als privatwirtschaftliche Erwerbstätigkeit und ist durch die Wirtschaftsfreiheit geschützt. Wer selbstständig im Erotikgewerbe arbeitet, zahlt Steuern und Sozialversicherungsbeiträge wie andere Selbstständige auch. Die Details regeln die Kantone: Zürich, Bern, Genf und weitere Kantone kennen eigene Prostitutionsgesetze mit Melde- oder Bewilligungspflichten, andere setzen auf allgemeine gewerbliche Vorschriften.

Trotz über 80 Jahren Legalität bleibt das Gewerbe gesellschaftlich umstritten. Sexarbeitende berichten von Stigmatisierung im Alltag – bei der Wohnungssuche, im Kontakt mit Banken oder Behörden, im privaten Umfeld. Genau diese Lücke zwischen rechtlicher Anerkennung und gesellschaftlicher Akzeptanz macht die Ausstellung sichtbar. Die Botschaft: Ein Recht zu haben genügt nicht, wenn der Zugang zu diesem Recht durch Vorurteile erschwert wird.

Welche Geschichte erzählt die Medienstation?

Die vertiefende Medienstation zeichnet nach, wie eng die Geschichte der Sexarbeit mit Moralvorstellungen verknüpft war und ist. Einige Stationen dieser Entwicklung:

  • 1950er Jahre: Die Polizei führte sogenannte Dirnenregister. Sexarbeiterinnen wurden systematisch erfasst und kontrolliert, obwohl ihre Tätigkeit legal war.
  • 1970er Jahre: Feministische Debatten stellten die Frage neu, ob Sexarbeit Ausdruck von Unterdrückung oder von Selbstbestimmung ist – ein Streit, der bis heute anhält.
  • 2001: An der Kunstbiennale in Venedig wurde der rote Regenschirm erstmals mit Sexarbeit in Verbindung gebracht. Er ist heute das internationale Symbol für Schutz, Anerkennung und Entstigmatisierung der Branche.
  • Heute: Diskutiert werden Arbeitsrechte, der Schutz vor Ausbeutung und Menschenhandel sowie ein mögliches Sexkaufverbot nach nordischem Vorbild.

Was hält die Branche von einem Sexkaufverbot?

Die politische Debatte um ein Sexkaufverbot flammt in der Schweiz regelmässig auf. Die Haltung der Betroffenen ist deutlich: In einer Befragung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sprachen sich über 70 Prozent der Sexarbeitenden gegen ein Verbot des Sexkaufs aus. Fachstellen wie Xenia im Kanton Bern und das nationale Netzwerk ProKoRe warnen, dass eine Kriminalisierung der Kundschaft die Arbeit nicht verschwinden lässt, sondern ins Verborgene drängt – mit weniger Sicherheit, weniger Kontrolle und schlechteren Arbeitsbedingungen.

Als warnendes Beispiel gilt Schweden: Dort dürfen Sexarbeitenden keine Arbeitsräume vermietet werden, und selbst Taxifahrten zu Terminen können strafbar sein. Solche Regeln zerstören genau jene Strukturen, die Sicherheit schaffen. Die Schweizer Fachstellen fordern stattdessen Mitsprache der Sexarbeitenden bei politischen Entscheiden, faire und transparente Arbeitsbedingungen sowie behördliche Kontrollen, die sich auf Ausbeutung konzentrieren statt primär auf ausländerrechtliche Fragen.

Was bedeutet die neue Sichtbarkeit für Kundinnen und Kunden?

Die Ausstellung richtet sich an die breite Öffentlichkeit – sie hält aber auch der Kundschaft einen Spiegel vor. Wer Erotik-Dienstleistungen in Anspruch nimmt, trägt Mitverantwortung für faire Bedingungen in der Branche. Konkret heisst das:

  1. Selbstbestimmung respektieren: Sexarbeitende entscheiden selbst, welche Dienstleistungen sie anbieten und welche Kundschaft sie annehmen. Ein Nein ist ein Nein – niemand darf zu etwas gedrängt werden.
  2. Abmachungen einhalten: Preis, Zeit und Rahmen werden vorher geklärt und gelten. Seriöse Anbieterinnen kommunizieren transparent, seriöse Kundschaft ebenso.
  3. Diskretion und Anstand: Respektvoller Umgang, Hygiene und Pünktlichkeit sind selbstverständlich – im Studio genauso wie beim Escort-Date oder bei der erotischen Massage.
  4. Auf legale, transparente Angebote setzen: Wer Inserate über etablierte Schweizer Plattformen nutzt, unterstützt Sexarbeitende, die selbstbestimmt und legal arbeiten – ob in Zürich, Bern oder Luzern.

Wo finden Sexarbeitende Beratung und Unterstützung?

Die Ausstellung macht sichtbar, was Fachstellen seit Jahren leisten. In fast allen Regionen der Schweiz gibt es heute spezialisierte Beratungsangebote für Menschen im Erotikgewerbe. Die Fachstelle Xenia etwa berät Sexarbeitende im Kanton Bern zu Arbeitsbewilligungen, Miete, Steuern, Sozialversicherungen und sexueller Gesundheit. Das nationale Netzwerk ProKoRe vertritt die Rechte und Anliegen der Branche auf politischer Ebene und führt eine Übersicht aller Beratungsstellen der Schweiz. Und das Sexworkers Collective, das die Ausstellung im Landesmuseum mitgestaltet hat, organisiert Sexarbeitende schweizweit aus der Branche heraus.

Auch international bewegt sich einiges: Belgien hat Sexarbeitenden als erstes Land Europas weitgehende Arbeitsrechte wie Krankengeld und Kündigungsschutz gesetzlich zugesichert. In Nevada, dem einzigen US-Bundesstaat mit legaler Prostitution, kämpfen Sexarbeiterinnen 2026 für die Gründung einer eigenen Gewerkschaft. Die Schweizer Debatte um bessere Arbeitsbedingungen ist damit Teil einer weltweiten Entwicklung – weg von der Moraldiskussion, hin zur Frage nach fairen Arbeitsrechten.

Praktische Infos: Wo und wann ist die Ausstellung zu sehen?

Der Besuch lässt sich gut mit einem Ausflug nach Zürich verbinden – das Museum liegt direkt beim Hauptbahnhof. Die wichtigsten Eckdaten:

  • Ort: Landesmuseum Zürich, Museumstrasse 2, 8001 Zürich (direkt beim Hauptbahnhof)
  • Laufzeit: 3. Juli bis 1. November 2026; zweite Etappe vom 12. Januar bis 25. April 2027
  • Format: Grossformatige Videoprojektion mit Ton über Kopfhörer, ergänzt durch eine interaktive Medienstation
  • Sprachen: Voice-over auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch; gedruckte Interviewtexte am Welcome Desk

Häufige Fragen zur Ausstellung und zur Sexarbeit in der Schweiz

Wie lange läuft die Ausstellung «Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit»?

Die Videoinstallation ist vom 3. Juli bis 1. November 2026 im Landesmuseum Zürich zu sehen. Eine zweite Etappe folgt vom 12. Januar bis 25. April 2027. Das Museum befindet sich an der Museumstrasse 2, direkt beim Zürcher Hauptbahnhof.

Ist Sexarbeit in der Schweiz legal?

Ja. Sexarbeit ist in der Schweiz seit 1942 legal und gilt als privatwirtschaftliche Erwerbstätigkeit. Die Kantone regeln die Details unterschiedlich, etwa mit Melde- oder Bewilligungspflichten. Selbstständige Sexarbeitende zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.

Was ist das Sexworkers Collective?

Das Sexworkers Collective ist ein nationales Kollektiv von Sexarbeitenden in der Schweiz. Es hat die Interviews für die Ausstellung im Landesmuseum Zürich geführt und das Projekt als wissenschaftlicher Beirat mitkonzipiert – nach dem Grundsatz, mit Sexarbeitenden statt über sie zu sprechen.

Wofür steht der rote Regenschirm?

Der rote Regenschirm ist das internationale Symbol der Sexarbeitenden. Er steht für Schutz, Anerkennung und Entstigmatisierung. Erstmals mit Sexarbeit in Verbindung gebracht wurde er 2001 an der Kunstbiennale in Venedig.

Fazit

Mit «Erfahrungen Schweiz – Sexarbeit» holt das Landesmuseum Zürich ein Gewerbe aus der Grauzone der öffentlichen Wahrnehmung, das seit über 80 Jahren legal ist und Zehntausende Menschen in der Schweiz betrifft. Die elf Zeitzeugenberichte zeigen eine Branche zwischen Selbstbestimmung und Prekarität – und machen deutlich, dass Entstigmatisierung die wirksamste Form von Schutz ist. Wer die Ausstellung besucht, versteht danach besser, unter welchen Bedingungen Sexarbeitende in Zürich, Bern und der übrigen Schweiz arbeiten. Und wer sich weiter informieren möchte, findet in unserem Blog laufend neue Beiträge rund um Erotik, Recht und Gesellschaft in der Schweiz.

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