Strassenstrich in der Schweiz 2026: Warum die Sexarbeit von der Strasse ins Netz wandert
Von Bitch.ch Redaktion • 6. September 2026 • 0 Kommentare
Der Strassenstrich war über Jahrzehnte das sichtbarste Gesicht der Sexarbeit in der Schweiz. Heute stehen in Zürich, Luzern, Olten oder Basel nur noch wenige Sexarbeiterinnen an den offiziellen Strichzonen. Die Zahlen gehen seit Jahren zurück, doch das Gewerbe verschwindet nicht. Es verlagert sich: in Privatwohnungen, Studios und vor allem ins Internet. Dieser Beitrag zeigt, was hinter dem Wandel steckt, wie die Städte reagieren und was das für Kundinnen, Kunden und Anbieterinnen konkret bedeutet.
Was ist der Strassenstrich und wo ist er in der Schweiz erlaubt?
Als Strassenstrich bezeichnet man das Anbieten sexueller Dienstleistungen im öffentlichen Raum, meist entlang bestimmter Strassen oder auf dafür vorgesehenen Arealen. Sexarbeit ist in der Schweiz legal, die Details regeln jedoch die Kantone und Gemeinden. Die meisten grösseren Städte kennen deshalb sogenannte Strichzonen oder Toleranzzonen, ausserhalb derer die Strassenprostitution verboten ist.
- Zürich: Strassensexarbeit ist nur in den vom Stadtrat verfügten Zonen und zu festen Zeiten erlaubt. Dazu gehören ein Perimeter im Niederdorf, ein Abschnitt an der Allmendstrasse und der Strichplatz Depotweg in Altstetten. An der Langstrasse und in ihren Nebenstrassen ist der Strassenstrich seit 2013 verboten. Wer sich nicht daran hält, riskiert eine Busse von rund 200 Franken plus Gebühren, Sexarbeiterinnen zusätzlich den Entzug der Bewilligung.
- Luzern: Die Stadt hat den Strassenstrich in die abgelegene Industriezone Ibach an der Reusseggstrasse verlegt.
- Basel: In Kleinbasel existiert eine Toleranzzone mit festen Zeiten, betreut durch Fachstellen wie Aliena.
- Bern: Der Kanton Bern regelt die Sexarbeit über ein eigenes Prostitutionsgewerbegesetz, die Stadt kennt einen begrenzten Perimeter im Bereich Schützenmatte.
Wie stark ist der Strassenstrich zurückgegangen?
Die Entwicklung ist schweizweit dieselbe. In der Stadt Zürich sank die Zahl der Bewilligungen für Strassenprostitution innert fünf Jahren von 85 auf 60. Auf dem Strichplatz Depotweg sind laut Sozialdepartement noch rund ein Dutzend Frauen tätig, halb so viele wie vor zehn Jahren. In Luzern warteten am Ibach früher bis zu 20 Frauen auf Kundschaft, heute sind es noch etwa zehn. Auch aus Olten und anderen Städten melden Fachstellen ähnliche Rückgänge.
Wichtig für die Einordnung: Die Zahl der Sexarbeiterinnen insgesamt nimmt gemäss Beratungsstellen nicht ab. Wie es die Geschäftsleiterin des Luzerner Vereins Lisa formuliert: Die Frauen werden nicht weniger, sie werden bloss unsichtbarer.
Warum wandert die Sexarbeit von der Strasse ins Netz?
Fachleute nennen zwei Hauptgründe: die Corona-Pandemie und die Digitalisierung.
- Corona als Beschleuniger: Während der Lockdowns war Sexarbeit in der Schweiz zeitweise komplett verboten. Viele Anbieterinnen mussten sich neue Wege suchen und lernten in dieser Zeit, Kundschaft über Online-Inserate, Messenger und Videoangebote zu gewinnen. Nach dem Ende der Massnahmen kehrten viele nicht mehr auf die Strasse zurück.
- Diskretion und Komfort der Kundschaft: Männer suchen heute zuerst online. Sie vergleichen Profile, Preise und Bewertungen und vereinbaren einen Termin per Chat. Das ist diskreter als ein Auto am Strassenrand, das Nachbarn oder Kollegen sehen könnten.
- Private Räume statt Trottoir: Beratungsstellen beobachten, dass Dienstleistungen zunehmend in Privat- oder Ferienwohnungen angeboten werden. Für Sexarbeiterinnen bedeutet das mehr Kontrolle über Ort, Zeit und Auswahl der Kundschaft.
- Preisdruck auf der Strasse: Die Laufkundschaft bleibt aus, und wer noch auf der Strasse arbeitet, spürt sinkende Preise. Fachstellen berichten von Freiern, die riskante Praktiken zu Tiefstpreisen verlangen. Das macht den Strassenstrich zusätzlich unattraktiv.
Was passiert mit dem Strichplatz Depotweg in Zürich?
Der 2013 eröffnete Strichplatz Depotweg in Zürich Altstetten ist das bekannteste Beispiel für eine geschützte Strichzone. Das Areal verfügt über eine Rundstrecke, zwölf Sexboxen, vier Stellplätze für Wohnmobile und einen Beratungspavillon. Ein Platzteam ist vor Ort, es gibt ärztliche Sprechstunden, STI-Tests in Zusammenarbeit mit Isla Victoria, Dusche, Waschmaschine und Krisenintervention. Geöffnet ist Sonntag bis Donnerstag von 18.30 bis 2 Uhr, Freitag und Samstag von 19.30 bis 3 Uhr.
Ursprünglich war das Provisorium befristet, weil die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) dort ein Tramdepot bauen wollen. Der Betrieb wurde inzwischen mehrfach verlängert, zuletzt bis 2026, und der Bau des Depots ist auf absehbare Zeit nicht geplant. Das Sozialdepartement betont, dass die Einrichtung trotz sinkender Zahlen bestehen bleibt, weil sie Schutz vor Gewalt und Ausbeutung bietet. Wie es nach dem Ende der aktuellen Frist weitergeht, ist Gegenstand der städtischen Planung. Parallel dazu hat der Gemeinderat den Stadtrat im Januar 2025 beauftragt aufzuzeigen, wie der Strassenstrich an der Langstrasse wieder legalisiert werden könnte. Wer in Zürich nach Angeboten sucht, findet diese heute ohnehin überwiegend online.
Wie reagiert Luzern auf den Wandel?
In Luzern gilt der Standort Ibach als prekär: abgelegen, schlecht beleuchtet, ohne Infrastruktur. Ein Postulat aus der Mitte-Fraktion forderte deshalb einen sicheren Arbeitsplatz für Sexarbeitende. Der Stadtrat hat das Anliegen teilweise entgegengenommen und will zusammen mit den Agglomerationsgemeinden Ebikon, Emmen, Horw und Kriens nach einem neuen Standort suchen. Geprüft wird ausdrücklich auch ein Laufhaus oder ein Wohnhaus mit Arbeitsplätzen, das den Strassenstrich ersetzen könnte. Mit der Analyse wurde der Gemeindeverband LuzernPlus beauftragt. Nicht alle Nachbargemeinden sind begeistert, die Standortsuche läuft noch. Angebote in der Region Luzern haben sich derweil ebenfalls stark ins Netz verschoben.
Ist der Strassenstrich für Sexarbeiterinnen sicherer oder gefährlicher als Online-Arbeit?
Beide Modelle haben Vor- und Nachteile, und Fachstellen warnen davor, den Rückgang der Strassenprostitution vorschnell als Fortschritt zu feiern.
- Vorteile der Strichzone: Sozialarbeiterinnen und Polizei sind präsent, es gibt medizinische Angebote, Notfallhilfe und Kolleginnen in Sichtweite. Geschützte Plätze wie der Depotweg wurden genau dafür geschaffen.
- Nachteile der Strichzone: Wetter, Sichtbarkeit, Stigma, Preisdruck durch Laufkundschaft und in Luzern die abgelegene Lage.
- Vorteile der Online-Arbeit: Vorauswahl der Kundschaft, klare Absprachen per Chat, eigene Räume, keine Wartezeiten an der Strasse.
- Nachteile der Online-Arbeit: Weniger Sichtbarkeit für Beratungsstellen, Abhängigkeit von Plattformen und Vermietern, Risiko von Fake-Profilen und Betrug, mehr Isolation.
Beratungsstellen wie Solidara Zürich, Lysistrada in Olten oder der Verein Lisa in Luzern haben darauf reagiert und kontaktieren Sexarbeiterinnen inzwischen gezielt über Online-Plattformen, um Information und Unterstützung auch im digitalen Raum anzubieten.
Was bedeutet der Wandel für Kundinnen und Kunden?
Wer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, trägt Verantwortung. Die Stadt Zürich formuliert es auf ihrer offiziellen Seite deutlich: Sexarbeit ist ein Geschäft, in dem es auch Zwang und Ausbeutung gibt. Für den Online-Kontakt gelten deshalb ein paar einfache Grundsätze:
- Klare Abmachungen im Voraus: Dienstleistung, Dauer und Preis werden vor dem Treffen vereinbart und nicht nachträglich verhandelt.
- Nein heisst Nein: Jede Anbieterin bestimmt ihre Grenzen selbst. Druck oder Nachverhandeln vor Ort ist inakzeptabel.
- Angemessen bezahlen: Dumpingpreise fördern genau die Abhängigkeiten, die niemand will.
- Schutz ist Standard: Ungeschützte Praktiken zu verlangen gefährdet alle Beteiligten.
- Hinweise auf Zwang ernst nehmen: Wirkt eine Person unter Druck gesetzt, ist die richtige Adresse eine Fachstelle wie die FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, nicht das Wegschauen.
Seriöse Plattformen unterstützen diese Grundsätze mit verifizierten Profilen und klaren Regeln. Angebote wie Escort oder erotische Massage finden heute fast ausschliesslich über solche Kanäle statt.
Welche Rolle spielen Bewilligungen und Meldepflichten?
Der Wechsel von der Strasse ins Netz ändert nichts an der Rechtslage. Wer in der Schweiz Sexarbeit anbietet, braucht je nach Kanton eine Bewilligung oder muss sich bei der Polizei melden. In der Stadt Zürich ist für die Strassensexarbeit eine Prostitutionsgewerbebewilligung nötig, der Kanton Bern verlangt eine Meldung nach dem Prostitutionsgewerbegesetz, andere Kantone wie Wallis, Tessin oder Neuenburg haben eigene Prostitutionsgesetze. Für Personen aus dem EU/EFTA-Raum gilt zudem das Meldeverfahren, für Drittstaatsangehörige ist eine Erwerbstätigkeit nur mit entsprechender Aufenthaltsbewilligung erlaubt. Auch Steuern und AHV-Beiträge fallen unabhängig davon an, ob die Kundschaft auf der Strasse oder online gewonnen wird. Wer die Sexarbeit in Bern, im Aargau oder in Zug ausübt, sollte die jeweiligen kantonalen Vorgaben kennen.
Häufige Fragen zum Strassenstrich in der Schweiz
Ist der Strassenstrich in der Schweiz verboten?
Nein. Sexarbeit ist in der Schweiz legal, auch auf der Strasse. Kantone und Städte dürfen aber Zonen und Zeiten festlegen. In Zürich ist der Strassenstrich nur in den offiziellen Strichzonen erlaubt, an der Langstrasse ist er seit 2013 verboten.
Warum gibt es immer weniger Sexarbeiterinnen auf der Strasse?
Die Corona-Pandemie hat die Verlagerung ins Internet beschleunigt. Kundschaft sucht heute diskret online, Anbieterinnen arbeiten vermehrt aus Privatwohnungen. In Zürich sank die Zahl der Bewilligungen für Strassenprostitution in fünf Jahren von 85 auf 60.
Bleibt der Strichplatz Depotweg in Zürich bestehen?
Der Betrieb wurde mehrfach verlängert, zuletzt bis 2026. Das Sozialdepartement will das Angebot weiterführen, weil es Schutz vor Gewalt und Ausbeutung bietet. Das geplante Tramdepot der VBZ auf dem Areal ist derzeit nicht terminiert.
Was plant Luzern für den Strassenstrich am Ibach?
Die Stadt Luzern sucht zusammen mit den Nachbargemeinden einen neuen Standort und prüft ein Laufhaus oder Wohnhaus mit Arbeitsplätzen für Sexarbeitende. Mit der Analyse ist der Gemeindeverband LuzernPlus beauftragt.
Fazit
Der Strassenstrich in der Schweiz stirbt nicht aus, aber er verliert seine Bedeutung. Corona und Digitalisierung haben die Sexarbeit innert weniger Jahre von der Strasse in Wohnungen, Studios und Online-Inserate verschoben. Für viele Anbieterinnen bedeutet das mehr Kontrolle und Diskretion, für Beratungsstellen und Behörden weniger Sichtbarkeit. Zürich hält am geschützten Strichplatz Depotweg fest, Luzern sucht nach einer Alternative zum Ibach. Für Kundinnen und Kunden ändert sich vor allem eines: Respekt, klare Abmachungen und faire Preise sind online genauso Pflicht wie am Strassenrand. Weitere Hintergründe zur Schweizer Erotik-Szene finden Sie laufend in unserem Blog.
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